Flüchtlinge aufnehmen? Nichts Neues für Kandern!

Von Bernhard Winterhalter

Wir schreiben das Jahr 1950 und befinden uns in einer Gemeinderatssitzung in Kandern: Wie auf jeder Tagesordnung derzeit befindet sich auch heute wieder das Thema „Zuzugsgenehmigung und Zuweisung.“ Selbst fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs will der Flüchtlingsstrom aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nicht abreißen.


Schon damals stellt die Unterbringung der Vertriebenen für jede Gemeinde im Westen eine Herausforderung dar. Deshalb wird auch in Kandern ein Wohnungsausschuss gebildet. Eine der Hauptaufgaben dieses Gremiums besteht darin, den „unterbelegten Wohnraum“ im Städtchen festzustellen. Die Frage ist, welche Hauseigentümer bzw. Wohnungsinhaber  über Räume verfügen, die sie selbst zum Wohnen nicht unbedingt brauchten und für Flüchtlinge benutzt werden können.

Wildfremde Menschen teilen sich mit Einheimischen die Küche 

Zum Beispiel lebten in einem zweistöckigen Gebäude in der Hauptstraße mit mehreren Zimmern zwei Geschwister. In diesem Fall traf der Gemeinderat die Entscheidung, dass in dieser Wohnung noch eine dreiköpfige Flüchtlingsfamilie unterzubringen sei. Heute nicht vorstellbar, dass wildfremde Menschen sich für längere Zeit in der gleichen Wohnung aufhalten wie die Besitzer selbst, die gleiche Küche und andere Einrichtungen mitbenutzten.

Es gab einfach viel zu wenig Platz für Flüchtlinge 

Von einer Privatsphäre oder einem persönlichen Lebensbereich in den eigenen vier Wänden konnte nicht mehr gesprochen werden. Das damalige Wohnungsgesetz nahm darauf aber keine Rücksicht. Es ist nachvollziehbar, dass die vom Gemeinderat zu treffenden Entscheidungen nicht immer mit Begeisterung aufgenommen wurden. Reklamationen waren die Folge. Meistens wurde diesen Beschwerden nicht abgeholfen, da es viel zu wenig Wohnraum für die Flüchtlinge gab. Auch Nichtflüchtlinge durften erst dann nach Kandern ziehen, wenn sie eine entsprechende Zuzugsgenehmigung erhielten. In einem Fall nutzte auch die Heirat eines jungen Mannes nichts. Der Zuzug der Ehefrau stieß auf Ablehnung, nachdem seinerzeit dem damals ledig zugezogenen Mann mitgeteilt wurde, dass nur er eine Zuzugsgenehmigung erhalte.

In der Markthalle auf dem Blumenplatz findet sogar eine siebenköpfige Familie nach langer Flucht ein Zuhause 

Ungeachtet dessen gab es Ausnahmen. Einmal sah man im Hinblick auf das Alter der Hauseigentümer von der Zuweisung von Flüchtlingen in ihre Privatwohnung ab. Ein anderes Mal stellte ein Kanderner eine Haushälterin ein, so dass ein unbelegter Wohnraum für Flüchtlinge nicht mehr zur Verfügung stand. Aber nicht nur Privatwohnungen zog der Gemeinderat für Zuweisungen heran, auch öffentliche Räumlichkeiten mussten als Quartier dienen. Die Markthalle auf dem Blumenplatz (heute Büro und Sportstudio) bot einer siebenköpfigen Familie eine Bleibe. Auch im Gebäude des Kindergartens fanden Flüchtlinge ein Zuhause.


Heute, nach 65 Jahren wächst in vielen der ehemaligen Flüchtlingsfamilien die vierte Generation heran und die Integration ist vor Jahrzehnten schon bestens gelungen. Die Voraussetzungen zur Unterbringung der heutigen Flüchtlinge haben sich um ein Vielfaches verbessert und sind absolut nicht vergleichbar mit anno dazumal.

Kandern wird es auch dieses Mal schaffen.

Dieser Artikel erschien im „Wochenblatt“ und wurde uns mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Verfügung gestellt.