F: Todd, ich erlebe dich als unfassbar spannenden Menschen. Du hast eine große Familie, bist US-Amerikaner und Schwede, warst Pastor in Deutschland und hast einen ungewöhnlichen Beruf. 2015 wurdest du nach Thailand entsendet und arbeitest in einer interessanten Einrichtung. Wie kann man das Phänomen deiner bewegten Lebensgeschichte verstehen?

Zu der Zeit als ich die High School abschloss, war ich ein Junge aus der Provinz. Während scheinbar alle anderen die Welt entdecken wollten, wollte ich am liebsten in meiner kleinen Heimatstadt bleiben. Für mich stand immer der Wunsch im Vordergrund, das zu machen, was Gott mir aufs Herz legt. Und so ging ich immer nur einen Schritt nach dem anderen. Nun lebe ich im Ausland, obwohl das nie mein Plan war. Aber immer wenn eine Sache zu Ende war, lag eine andere direkt vor mir, manchmal auch zwei oder drei, so dass ich die Wahl hatte. Jedenfalls ging ich einfach weiter, im Vertrauen darauf, dass Gott mich schon führen und mir den passenden Weg zeigen würde. Ja es ist definitiv ein sehr aufregendes Leben, von dem ich damals in der High School noch nichts ahnte.

F: Was ist dein aktueller Dienst für TeachBeyond Deutschland in Thailand? Was sind deine größten Freuden und Herausforderungen?

Im Dienst für TeachBeyond Deutschland gehören Predigt, Schulungs- und Lehrtätigkeit, theologisches Arbeiten, Vorträge, Beratung, Mentoring sowie Mitarbeiterbetreuung zu meinen Aufgaben. Mit der Erfahrung von 28 Jahren im Ausland kenne ich die Herausforderungen der interkulturellen Arbeit. Mir liegt es am Herzen, anderen Mitarbeitern zu helfen, damit sie ihre Arbeit bestmöglich tun können. Es macht mir große Freude, wenn ich sehe, wie sie sich entwickeln und schwierige Lebensabschnitte meistern. Derzeit bereitet Vielen die Pandemie riesige Herausforderungen. Gruppenmeetings wurden ebenso abgesagt wie ein Großteil der Predigt-, Lehr- und Vortragstätigkeit. Als es wieder aufwärts ging, gab es wieder Möglichkeiten, doch dann kam die nächste Welle. Ich bin sehr gespannt, wie sich das entwickeln wird, wenn sich die Lage wieder entspannt und Menschen sich wieder wie gewohnt treffen können. Bei uns in Thailand rollt gerade eine weitere Welle an, aber diesmal werden die Dinge nicht mehr so streng reglementiert.

F: Den Krieg in Europa bekommst du nur aus großer Entfernung mit. Was bewegt dich als Psychosozialer Berater, wenn du von vielen Millionen flüchtenden und schwer traumatisierten Menschen hörst?

Das bricht mir das Herz. Ich hatte schon mit vielen Menschen zu tun, die ganz unterschiedlich schwer traumatisiert worden sind. Man muss es sich so vorstellen, dass ein Trauma im Körper gespeichert wird. Es kann sich sofort zeigen, oder es schlummert bis zu einem späteren Zeitpunkt, bis es sich bemerkbar macht. Auf jeden Fall müssen Traumata verarbeitet werden, damit der Mensch lernt, wieder zu leben. Wenn ich allerdings die Menschenmassen auf der Flucht sehe, wird klar, dass viele von ihnen das Erlebte nicht werden verarbeiten können. Diese Traumata werden über Generationen hinweg Kollateralschäden hervorrufen. Die Auswirkungen sind viel schwerwiegender als das, was man äußerlich und momentan wahrnehmen kann.

F: Hast du einen Rat für Christen, Kirchen, christliche Organisationen in Deutschland im Umgang mit dieser Flüchtlingswelle und den konkreten Menschen?

Das ist zweifellos eine gewaltige Herausforderung. Diese Menschen fliehen von einem bedrohlichen Ort, der nicht mehr sicher ist. Dennoch war und ist es ihr Zuhause. Sie sind jetzt ohne Heimat und wissen nicht, ob und wann sie dorthin zurückkönnen. Das allein kann schon ein zusätzliches Trauma auslösen. Ich denke, Christen müssen zuerst überlegen, wie sie den körperlichen Bedürfnissen dieser Menschen begegnen können. Dann ist zu überlegen, wie man ihnen ein geschütztes Umfeld schaffen und ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln kann. Sie werden sich nicht schnell in die neue Umgebung einfinden. Obwohl das langfristig sinnvoll erscheint, müssen wir geduldig sein und nicht zu viel Druck ausüben. Weiterhin ist es wichtig, die mitgebrachten Traumata zu erkennen und ihnen Möglichkeiten zu bieten, das Erlebte zu verarbeiten, wozu professionelle Begleitung nötig sein wird. Ein Ansatz, sie psychologisch zu unterstützen, ist, eine Haltung der Offenheit und Neugier zu zeigen. Wenn wir Menschen neugierig begegnen, dann stellen wir ihnen Fragen und ermöglichen ihnen, Erfahrungen zu reflektieren. Wenn ein Geflüchteter eine engere Beziehung zu einem Einheimischen haben würde, würde er sich zugehörig fühlen und einen Gesprächspartner haben. In jedem Fall gibt es auf das alles aber keine einfachen Antworten.

F: Im Jahr 2023 kehrt ihr wieder nach Deutschland zurück. Gibt es schon Pläne, wie es dann weitergeht?

Dies ist eine gute Frage, auf die wir noch keine Antwort haben. Debbie und ich fangen gerade an, darüber nachzudenken. Momentan haben wir noch zwei Kinder bei uns und bedenken auch deren Bedürfnisse. Wir sind voller Zuversicht, dass Gott die nächsten Schritte zum richtigen Zeitpunkt deutlich machen wird.

Interview und Übersetzung: Falk Winter

F: Sonja, du bist Lehrerin an der Freien Evangelischen Schule Lörrach. Wie kam es zu dieser Partnerschaft mit einer Schule in Pakistan?

A: Es begann auf einer Abenteuerreise meines Mannes Michael in Pakistan 2007. Er gewann Land und Leute lieb. Bildung schien ihm der Schlüssel für eine gute Entwicklung und gegen Extremismus. Auf einer Konferenz gab ihm ein Unbekannter, der nichts von ihm wusste, auf einen prophetischen Eindruck hin den Kontakt von Shining Light. Er lernte die Arbeit kennen und 2014 stellte Michael die Schule der FES Leiterschaft vor. 2015 lud die FES Sajjad, den Leiter nach Lörrach ein. 2017 führten wir als FES-Lehrer mit Unterstützung von TeachBeyond eine Lehrerfortbildung in Pakistan durch. Inzwischen gab es mehrere gegenseitige Besuche.

F: „Shining Light“, das klingt vielversprechend als Name einer Schule. Was genau ist das Besondere an dieser Schule?

A: In Pakistan werden Christen benachteiligt. Sie haben weniger Chancen auf Schulbildung  und bekommen keine gute Arbeit. Shining Light bietet Christen und Muslimen die Möglichkeit auf gute Schulbildung, um später besser zurecht zu kommen. Shining Light gründet im “Remote Village Program” Schulen an Orten, wo es bisher entweder keine gab oder wo Mädchen keinen Zugang hatten. Shining Light ist wirklich ein helles Licht für viele Menschen in Pakistan, um ihre Lebensumstände zu verbessern.

F: Du warst gerade kürzlich erst persönlich dort. Welche Eindrücke bringst du mit?

A: Wir waren da als die dortige Gemeinde ihr 15-jähriges Jubiläum feierte. „No one can stop the Gospel!,“ das sagte Sajjad, Schulleiter und auch Pastor, immer wieder. Die Gemeinde erlebte viel Widerstand, auch Steine, die auf ihr Gebäude geworfen wurden. Inzwischen ist sie in der Region anerkannt. Menschen erfahren den lebendigen Gott, im Schulalltag und im Alltag der Menschen. Im “Women Vocational Training Center” lernen Frauen Nähen, erfahren Bildung und Lebenshilfe. Shining Light ist mehr als eine klassische Schule, sehr viel umfassender. Das Evanangelium kann keiner aufhalten.

F: Kannst du an einer kleinen Begebenheit erzählen, wie SL als Schule das Leben der Kinder, Eltern und Lehrer im Sinne des Evangeliums verändert?

A: Einige Schüler aus christlichem Elternhaus leben zusammen in einem Internat, kommen jeden Abend zusammen. Während der Coronazeit legte ihnen Gott aufs Herz zu beten. Es war eindrücklich zu sehen, wie Kinder und Jugendliche Gott voller Leidenschaft und Ernst anbeten. Ein etwa 16-jähriges Mädchen erzählte uns begeistert, wie sehr sie das liebt. Sajjad sagt, dass die Arbeit von Shining Light vom Gebet dieser Kinder und Jugendlichen getragen wird. Sie erfahren Kraft in all ihren Schwierigkeiten und Widerständen, strahlen in ihr Umfeld und bewirken Veränderung.

F: Welche Hilfe und Unterstützung wird besonders benötigt und wofür?

A: Zum einen braucht Shining Light Gebet. Gerade angesichts von konkretem äußerem Druck, Widerstand und Bedrohungen benötigt Sajjad Weisheit im Umgang mit Behörden und Menschen. Und Shining Light braucht auch finanzielle Unterstützung. So können Kinder aufgenommen werden, die sich die Schule nicht leisten können oder Kinder aus christlichen Familien, die auf öffentlichen Schulen nicht aufgenommen werden. Das Patenschaftsprogramm ermöglicht für monatlich 40 Euro einem Kind einen Monat Schule und Internat. Auch die Grundstücksmiete für die Schule wird immer schwerer. Gerade erst hat der Eigentümer der Verlängerung des Mietvertrags zwar zugestimmt, aber die Bedingungen und der Preis werden immer ungünstiger.

Das Interview führte Falk Winter.

F: Lucca, deinen Vornamen nehmen wir dir als Brasilianer ja noch ab. Aber Aurich, ganz ehrlich, das klingt so gar nicht brasilianisch. Was ist denn da los?

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Nigel, was hast du in Griechenland gemacht?

Im Mai und Juni war ich für Beyond Borders für insgesamt vier Wochen auf der Insel Lesbos, um eine geeignete Partnerorganisation für ein neues Projekt zu finden. Das neue Projekt nutzt Bildungstechnologie (Tablet-Computer) und spezielle Bildungs-Anwendungen für Jugendliche und junge Erwachsene. Wir haben fünf Organisationen recherchiert, bevor wir diejenige gefunden haben, von der wir glauben, dass sie unseren Bedürfnissen entspricht. Beim nächsten Besuch im Juni hatten wir Gespräche mit unseren neuen Partnern und stellten unseren neu ernannten Bildungskoordinator André Marotto aus Brasilien vor.

Was ist Beyond Borders?

Beyond Borders ist ein noch relativ neuer Zweig der globalen TeachBeyond-Bewegung. Unsere Mission ist es, Bildungsbenachteiligung zu bekämpfen in dem wir den am stärksten Benachteiligten, also Flüchtlingen, Vertriebenen und Migrantenkindern, Zugang zu Bildungsangeboten eröffnen. Wir dienen auch Communities, die möglicherweise nicht ganz in diese Kategorien passen, wenn wir Kindern helfen, die in der Nähe der größten Müllkippe Äthiopiens leben. Sie verbringen ihre Kindheit damit, Müll nach Gegenständen zu durchsuchen, die sie recyceln können, wodurch sie nicht zur Schule gehen können.

Was brauchen die Menschen dort?

Natürlich haben sie praktische Bedürfnisse nach Lebensnotwendigem. Sie haben alles hinter sich gelassen und kommen mittellos an den Küsten Europas an. Aber mehr als Nahrung, Unterkunft und Kleidung, so sagen sie es uns, ist ihr Hauptbedürfnis die Hoffnung! Sie kommen in Europa an, in der Hoffnung, Aufnahme und Schutz zu finden. Sie hoffen, dass ihre Kinder auf unserem großen, zivilisierten Kontinent eine Ausbildung und eine Zukunft erhalten. Stattdessen finden sie, dass sie nicht willkommen sind, sie treffen auf Feindseligkeit und Ablehnung, Diskriminierung und noch mehr Traumatisierung.

Was ist Deine persönliche Motivation?

Als wir erstmals von Beyond Borders hörten und von einem Filmregisseur angesprochen wurden, das Team in Lesbos einmal zu besuchen, hörten wir Gottes Stimme ganz deutlich zu uns sprechen. Wir fuhren mit unserem Auto die 2.500 km über Istanbul und nahmen zwei junge Lehrer mit. Der Besuch veränderte unser Leben, als wir uns mit Familien anfreundeten, die aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Somalia geflohen waren, um Frieden und Freiheit zu finden. Einige ihrer Geschichten wurden in dem 70-minütigen Dokumentarfilm “LifeJacket” festgehalten, der inzwischen preisgekrönt ist. Hier kann man den LifeJacket Trailer anschauen.

Was können unsere Leserinnen und Leser tun?

» Gehen – Haben sie Fähigkeiten, Erfahrung und Zeit? Können Sie Deutsch, Englisch, Musik usw. unterrichten? Unser Lehrplan umfasst kreative Künste, die ein bewährtes Mittel sind, um Kindern (und Erwachsenen) zu helfen, sich von Traumata zu erholen und Resilienz zu entwickeln. Die Schwelle ist nicht hoch.
» Diskutieren – Laden Sie mich ein, mit ihrer Gemeinde oder Ihrem Hauskreis zu sprechen. Wir können uns den Film „LifeJacket“ ansehen und im Anschluss an den Film ins Gespräch kommen.
» Beten – Der Dienst ist sehr hart und unsere Teams brauchen tägliches Gebet. In einem Flüchtlingslager unter schlechten Bedingungen bei 35 Grad Hitze oder Winterregen zu unterrichten ist auch auf einer wunderschönen griechischen Insel beileibe kein Urlaub!
» Unterstützen – Wir sind ein junger Dienst und expandieren schnell, um wachsenden Bedürfnissen gerecht zu werden. Derzeit eröffnen wir neue Projekte in Uganda und Griechenland (das o.g. Educational Technology Projekt auf Lesbos und in Athen, d.Red.). Wir vertrauen darauf, dass der Herr im Jahr 2021 aus Europa 40.000 € Spenden für die Bedürfnisse dieses schnell wachsenden Dienstes zur Verfügung stellt.

Danke, Nigel.

Das Interview führte Claudia Schäfer, Koordinatorin Öffentlichkeitsarbeit.

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